Venture Capital: Rückstand in Europa

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Die aufstrebenden Startup-Ökosysteme in Europa. sind in den letzten drei Jahren verstärkt Thema gewesen. Der Schwerpunkt der Diskussion ging dahin, ob nun London oder Berlin das nächste Silicon Valley werden. Es geht oft um Exits, oder genauer, den Mangel derselben. Meiner persönlichen Erfahrung folgte dem massiven Anstieg in der Zahl der Startups nun endlich auch eine deutliche Verbesserung der Qualität der Startups in Europa. Ich sehe bessere Teams und sauberere Strategien für die Unternehmen, als vor einigen Jahren. Nach Criteo in Frankreich, und demnächst mit Zalando in Deutschland oder vielleicht sogar Soundcloud, sind die ersten Milliarden-Exits deutllich am Horizont. Einer der besten Indikatoren für einen relativen Erfolg der Europäer lässt sich in einer Studie der EU ablesen: Der Umsatz der Apps im Apple Appstore landet nun zu gleichen Teilen in Europa und den USA. Eine Sensation. Die Unternehmen kommen also. Aber was ist eigentlich mit den Venture Capital Unternehmen, den VCs?

Nachdem ich in den letzten Jahren sehr viel mit Euroäpischen und US VCs gesammelt habe, habe ich ein Konzept für ein Buch entwickelt: „Venture Capital verstehen“. Aber da ich eher ein Macher bin als ein Autor, muss dass Buch wohl warten bis ich einen guten Ghostwriter oder Mitautor finde.

Ich wollte nicht darauf warten einmal über die Qualtität der Venture Capital Firmen in Europa zu schreiben. Wenn wir die Aufmerksamkeit mal auf die Branche richten, dann hat das zwei Effekte: Erstens sollten sich Unternehmer dan leichter tun, die Spreu vom Weizen  zu trennen. Es gibt durchaus Unterschiede, auch in Europa. Und zweitens zeigt die nähere Betrachtung aus meiner Sicht, dass es noch ein riesiger Unterschied ist, ob ein VC eher amerikanischen Typs ist oder eher europäisch.

1. Einige Grundlagen

(Experten können gerne bis zum nächsten Absatz runterscrollen) 

Obwohl sich viele Firmen Venture Fonds nennen, beginnt für mich die Mindestgröße eines ernstzunehmenden Fonds für Frühphasen oder Seed-Investments bei 25 M US$ oder 20 M Euro. Ein ernsthafter „Series A“ Fonds beginnt bei ca. 100 M US$ Fondvolumen. Ich glaube, in Deutschland haben wir deutlich weniger als 10 Fonds dieser Größenordnung. Ich denke an eVenture, T-Venture (allerdings ein Corporate Fund), Earlybird, Target, und Wellington. Falls ich jemanden vergessen habe, hole ich das gerne nach. In UK gibt es viele mehr, auch einige die eher 500 M US$ erreichen. In Frankreich gibt es ebenfalls mehrere 100 M US$ Fonds, in den meisten anderen Märkten sind die größten Fonds ungefähr ei 40 MUS$. Zusammengefasst: Es gibt zusammengenommen sehr wenig Geld.

 

Als Anlageklasse ist Venture Capital auch in den USA im Durchschnitt nicht sehr erfolgreich. Das liegt nicht dasran, dass bis zu 60% der finanzierten Unternehmen abgeschrieben werden – das ist m.E. sogar sinnvoll und die erfolgreichen Unternehmen sollen das ja gerade überkompensieren. Leider ist es so, dass auch in den USA die durchschnittliche Rendite für Investoren in Venture Capital nur bei 2% liegt. Und für diese magere Rendite ist das Kapital eines Investors – limited partners – für bis zu 10 Jahre gebunden. In diesen durchschnittlichen Renditen sind die sensationellen Erfolge von Stars wie Peter Thiel bereits enthalten. Thiel hat Paypal, Linkedin, Facebook und eine von der CIA unterstützte unheimliche Firma namens Palantir finanziert. Wenn man diese Ausnahme-Erlöse aus den durchschnittlichen VC Renditen herausrechnet, dann liegen die Durchschnittsrenditen der restlichen Fonds vermutlich unter 0%.

Die Gebühren der Venture Capital Firmen („2 and 20“) sind hoch und werden oft kritisiert. Für einen guten Überblick über die Kritik an VC sei hier der Report der Kauffmann Foundation empfohlen. Für Europa gilt, dass die Renditen noch etwas schlechter sind als in den USA, aber das könnte sich schnell ändern wenn jetzt vermehrt große Exits kommen.

Venture Capital als Branche ist akut in Gefahr genauso überrollt zu werden, wie andere Industrien. Angellist hat eine Plattform aufgebaut, die es ermöglicht virtuelle VCs zusammenzustellen. Diese Syndicate werden die Basis an Investoren verbreitern und mehr Super Angel (große Business Angel) generieren. Dadurch wird die Grenze zum professionellen VC Fonds noch undeutlicher.

2. Gefühlte Unterschiede zwischen dem Amerikanischen und Europäischen VC Ansatz.

In den letzten 10 Jahren und über 4 Firmen hinweg habe ich sehr eng mit mehr als 10 US und Europäischen VC Fonds zusammengearbeitet. Ich habe vermutlich bei über 100 VCs Pitch Präsentationen abgehalten. Zwei der Europäischen Fonds mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben amerikanische Wurzeln: Partech in Frankreich, der erste Investor in Qype, wurde eigentlich in San Francisco gegründet und eVenture, der erste Investor in 9flats wurde von Deutschen in San Francisco als BV Capital gegründet und war dort 12 Jahre lang aktiv, bevor das deutsche Büro geöffnet wurde. Später hatte ich die Gelegenheit mit Redpoint an der Westküste und Greycroft in New York zusammen zu arbeiten. Mit den großen deutschen Fonds, Wellington und T-Venture habe ich ebenso zusammengearbeitet wie mit einigen Firmen in London.

Lange Geschichte der US Fonds

Der offensichtlichste Unterschied zwischen den Euopäischen Fonds und den US Pendants ist das Alter der Amerikanischen Firmen. Als ich vor drei Jahren bei Venrock gepitcht hatte, war ich erstaunt von den Bildern in der Lobby: Gezeigt wurden Flugzeuge, die in den 40er Jahren durch das Vorgänger-Unternehmen finanziert wurden.  Viele der heute großen US-Fonds wurden in den frühen 80ern gegründet- wenige Europäer dagegen vor dem Jahr 2000. Und so schaffen die Amerikaner sehr gut ein Gefühl von viel Erfahrung zu vermitteln. Vor allem die Chefs vermitteln den Eindruck – wenn man dann endlich mit ihnen spricht – dass sie schon viele Zyklen gesehen haben und nicht so schnell aufgeben. Mit Erfahrung und Größe entsteht oft ein fantastisches Netzwerk. Wenn man mit Alan Patricof spricht, der vor seinem aktuellen VC Greycroft Gründer von Apax war, hat man den Eindruck dass es niemanden gibt in der US Investoren und Medienlandschaft, der nicht in seinem Rolodex ist. In der Zusammenarbeit mit US-Fonds war ich oft überrascht wie schnell sie Zugang bekamen zu eine sehr guten Experten zu jedem beliebigen Thema.

Andere Haltung zum Risiko: Fail fast and back your winners

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen allen guten und nicht so guten Funds ist: Die guten lassen schlechte Startups auch schnell wieder fallen und reservieren ihr Geld für die Gewinner. Dieses Verhalten kommt bei uns nicht gut an, ist aber meines Erachtens die richtige Haltung zu „Versuch und Irrtum“ der die Grundlage von Venture Capital darstellt. Unternehmen werden oft unterstützt dabei, ihre Strategie grundsätzlich zu ändern oder ganz neu anzufangen.

Fonds haben sowieso die Tendenz ihre Beteiligungen so lange wie möglich in der eigenen Bilanz zu halten, aber ich glaube, dass in Europa Unternehmen eher noch länger gehalten werden als es sinnvoll ist. Viele europäische VC Investoren haben noch einen Hintergrund in Konzernstrukturen, wo es nicht so sinnvoll ist einen Irrtum zuzugeben. Ich sehe hier noch eine größere Tendenz darin, alle Unternehmen über die Ziellinie zu bekommen, wenn man in den USA schon sagt: Fang halt neu an.

Mut kommt von vergangenen Erfolgen

Es gibt sicher Studien dazu, aber ich beobachte ganz persönlich dass alle Investoren mutiger werden, wenn ihre Entscheidungen aus der Vergangenheit erfolgreich waren. Das mag eine Vereinfachung sein, aber sie scheint zu funktionieren. Dummerweise ist die Wahrscheinlichkeit von Erfolgen in der Vergangenheit für einen US-Investor größer als für einen europäischen. Ein anderes Thema sind „Late Stage Funds“. Auch die können nur kommen, wenn kleinere Früphasenfonds erfolgreich waren. Diese Spätphasen-Investoren für Investitionen zwischen 20 und 100 MUS$ kommen bislang fast ausschliesslich aus den USA. Glücklicherweise werden im Moment in Europa gerade einige zusammengestellt.

Wir haben natürlich auch fantastische VCs in Europa. Ich persönlich finde das Portfolio von Index bewundernswert. Aber Index ist auch ein sehr amerikanischer Europäischer VC. Und auch hier kann man beobachten, dass Mut von vergangenen Erfolgen begünstigt wird.

Der Erfolg von schnellen Verkäufen gegenüber Thesengetriebenen Investments

Erfahrung formt Branchen. In Deutschland sind die erfolgreichsten Gründer die Samwer Brüder, deren lang anhaltende Erfolgsstory nicht in der Innovation sondern der globalen Verbreitung von Konzepten liegt. Einige Male hat dies zu rasend schnellen Verkäufen der Samwer Unternehmen geführt. Alando an eBay weniger als 4 Monate nach Start, Citydeal an Groupon in weniger als einem Jahr und auch der bevorstehende Börsengang von Zalando erfolgt in Rekordzeit nach Gründung. Auf die selbe Art, wie einige amerikanische Akteure dadurch erfolgreich wurden, in dem sie auf risikoreiche Technologie setzten, sind einige Fonds dadurch reich geworden, dass sie auf die Globalisierung durch die Samwers gesetzt haben. Dies prägt selbstverständlich die Art wie zukünftige Investitionen beurteilt werden. Man darf ruhig eine Prädisposition für schnelle Exits unterstellen wenn dies bislang Erfolgsrezept war. Risikoreichere Technologien werden vermutlich nicht so bereitwillig finanziert.

Thesengetriebene Investments und Spezialisierung

Ich persönlich glaube sehr an thesengetriebene Investments. Das berühmteste Beispiel hierfür ist der New Yorker Fonds Union Square Ventures, der es mit einem sehr kleinen Team geschafft hat in kurzer Zeit eine sensationelle Riege von Unternehmen zu finanzieren: Twitter, Tumblr, Foursquare, Etsy und seit dem viele andere. Dies war möglich indem man sich auf primär eine These konzentriert hat, die sich dann als richtig erwies: Der Fokus auf Unternehmen die in irgendeiner Form einen Netzwerkeffekt erzielen können.

In einem wettbewerbsintensiven Umfeld ist ein sehr erfolgreichversprechender Ansatz die Spezialisierung. Ein Beispiel aus Europa, das ich sehr gerne mag, ist Point Nine Capital. Was auf den ersten Blick wie ein gemischtes Portfolio scheint hat im Hintergrund eine klare Spezialisierung auf „Software as a Service (Saas)“. Das hilft dem Team für Gründer aus der Masse möglcher Investoren hervorzustechen.

Die Rolle der Investoren in Fonds

In der gleichen Weise wie man noch eine mangelnde Erfahrung von VCs in Europa diagnostizieren kann, gibt es eine mangelnde Erfahrung der Investoren in diese Fonds. Gegenüber den USA sind wir zusätzlich benachteiligt, da bestimmte Investoren wie Pensionsfonds in Europa gar nicht in diese Fonds investieren dürfen. Man kann aber auch vermuten, dass die Erfahrung der mutigeren Investoren in diese Fonds bislang in Europa allenfalls gemischt und oft nicht sehr positiv sein dürfte. Es ist daher nicht einfach, Kapital für einen neuen VC Fonds einzusammeln. Dazu beitragen dürfte auch, dass eine Familie, die ihr Geld mit einem Maschinenbau-Unternehmen verdient hat, sehr ungern ins Risikogeschäft mit Software einsteigt. Auch hier folgt aus anderen Erfahrungen in der Vergangenheit eine andere Haltung für die Zukunft.

3. Wie aktiv sind amerikanische VCs in Europa?

Bei allen genannten Unterschieden und der Tatsache dass Kapital weltweit fließen kann: Wie aktiv sind dann Fonds nach US-Muster in Europa. Da gibt es natürlich irgendwo Statistiken. Ganz praktisch kann man z.B in Berlin einige Later Stage Funds wie Insight Ventures (Dawanda etc) sehen. Es ist auch spannend dass Union Square (Soundcloud, Auxmoney) und auch Peter Thiels Founders Fund (Reseachgate) hier vermehrt investieren. Etwas unbekannter: Blumberg Capital (z.B. Kreditch) ist in den letzten Jahren hier ebenfalls sehr aktiv. Aber nach wie vor erlebe ich die meistens Fonds aus dem Silicon Valley als sehr zögerlich was es angeht weit weg von zuhause zu investieren.

4.  Zusammenfassung: Eine große Lücke bedeutet auch eine große Gelegenheit.

Ich glaube, es gibt sehr viel Platz für weitere Fonds in Europa mit folgenden Merkmalen:

  1. Unternehmerischer Ansatz mit bewußtem Eingehen von Risiken und der Bereitschaft, auch Mißerfolge auszuhalten um Erfolge zu generieren.
  2. Thesengetriebener Ansatz und/oder Spezialisierung auf Segmente
  3. Fondsgröße zwischen 25 und 100 MUS$
  4. Fokus auf Europa und nicht auf einzlene Länder, da die Anzahl der erfolgsversprechenen Unternehmen nicht groß genug ist, wenn man „nur Berlin“ oder „nur London“ macht.

Die entscheidende Bedeutung, die Venture Capital für Innovation und neue Industrien hat, heißt ganz einfach das es sehr wichtig ist, dass diese neuen Fonds gestartet werden. Der richtige Zeitpunkt ist jetzt, denn es gibt endlich die Firmen, in die sich lohnt zu investieren. Es bleibt eine Herausforderung, die Investoren in diese Fonds zu überzeugen.

 

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