Deutsch


11
May 11

Neulich, im Bundestag

Diesen Montag durfte ich als einer von vier Experten im Ausschuss Neue Medien des Bundestags einige meiner Thesen zum Thema Internet-Gründungen in Deutschland äussern.

Bringt das was?
Ich weiss es nicht. Was bei mir als politikmüdem Bürger jedenfalls was gebracht hat, ist ein gestiegenes Vertrauen in das Parlament als Institution, gerade in Zeiten in denen im Kanzleramt die Volksabstimmung über die gefühlte Stimmung wieder eingeführt wird. Im Parlament sitzen auch Leute, die Vieles hinterfragen. Und wer den Netzsperren-Wahn von Zensursula Von der Leyen oder die Hilflosigkeit der Regierung zu Streetview zu Recht Ausdruck ultimativer Ignoranz der Politik sieht: Es gibt auch Leute, die wissen wovon sie reden. Und wenn die nicht gerade im Wahlkampf sind, dann hören sie sogar zu. Eigentlich ein guter Anfang.
Heute erschien jeweils im Blog der CDU-Fraktion und im Blog der SPD-Fraktion im Bundestag nochmal ein Blog-Beitrag von mir dazu. Mein Beitrag im SPD-Blog fasst meine Thesen zusammen. Bei der CDU liest sich das so.

Weil es ganz lustig ist, und untypisch für mich, hier the Story behind the Story:
1. Olaf Scholz
Ole von Beust regierte noch in Hamburg, da kam Nico Lumma auf mich zu und fragte, ob ich nicht mal Lust hätte auf “ein Bier mit Olaf”, der sei nämlich ziemlich am Thema Internet-Wirtschaft interessiert.Dann kam der Hamburger Wahlkampf und aus dem Bier wurde ein fast einstündiges Gespräch mit dem zukünftigen Hamburger Bürgermeister vor rund 150 Leuten im Betahaus in Hamburg. Meine Kernthesen dabei: 1. Wir brauchen zentrale und günstigere Büros und mieten. 2. Die privaten (Fach-) Hochschulen liefern meiner Wahrnehmung nach viel mehr qualifizierte Absolventen als die Hamburger Uni. 3. Wir müssen hochqualifizierten Menschen aller Nationalitäten das Arbeiten in Deutschland erleichtern. 4. Wir brauchen weniger zielgerichtete Förderungen für die Musikindustrie, oder die Games-Branche. Statt zu fördern soll der Staat investieren. Herr Scholz hat mich in dem Gespräch beeindruckt. Nicht, dass er ganz meiner Meinung war. Aber er hat fast jeden Vorschlag reflektiert und bei vielen Themen hatte ich den Eindruck dass er im Geiste die Stellschrauben durchging, die man drehen muss, um etwas verändern.

2. SPD-Fraktion
Ich wurde daraufhin vom SPD-Abgeordneten Lars Klingbeil in eine SPD-Fraktionssitzung in den Bundestag eingeladen, zu der auch andere Wirtschaftsvertreter geladen waren. Ich hatte schon äusserlich einen gewissen Respekt vor der Institution des Parlaments – Das Paul-Löbbe-Haus liegt schliesslich gegenüber vom Bundeskanzleramt. Die Sitzung war nicht öffentlich, aber soviel kann ich sagen: Die Parlamentarier traten hier ganz anders auf, als ich es erwartet hatte. Es wurde unglaublich offen zugehört, sehr intelligent gefragt und die Diskussionskultur empfand ich auf sehr hohem Niveau. Vor allem hatte ich das Gefühl, dass die Arbeitsgruppe Netzpolitik in der SPD viel genauer an einigen Themen dran war, als ich sie bislang verfolgt hatte.

3. SPD-Blog, CDU-Blog?
Mitte April erhielt ich dann überraschend eine E-Mail vom Deutschen Bundestag, Unterausschuss Neue Medien mit einer Einladung zur öffentlichen Sitzung am 9.5., wieder im Paul-Löbbe-Haus. Kurz nach meiner Zusage erhielt ich dann die Anfrage von der CDU, dass ich ja von der SPD als Experte benannt sei, aber ob ich einen Gastbeitrag im CDU-Blog veröffentlichen möchte. Klar, gerne! – Nach dem Absenden meiner postiven Antwort klingelte 5 Minuten später mein Telefon und Herr Kollbeck der SPD wusste schon von der Aktion der CDU, und selbstverständlich verpflichtete ich mich auch für einen Beitrag auf dem SPD-Fraktionsblog. Irgendwie überparteilich…

4. Bundestag
In den Bundestag reinzukommen ist als Besucher gar nicht so einfach. Zu viele Schulklassen, an denen man sich nur vorbeidrängeln kann.
Dann: Die Sitzungsräume im Paul-Löbbe-Haus sind schon beeindruckend. Super Akustik, draussen schenken die Grünen Suppe aus.
Drin dann Vertreter aller Parteien. Zwei Moderatoren. Wobei die unterschiedliche Personenstärke auffiel: Mindestens vier Leute von der SPD, einschliesslich Brigitte Zypries; zwei Herren von der CDU/CSU, einer von der FDP, zwei Vertreter der Linken, eine Abgeordnete der Grünen.

Vorab gab es schon einen ausgefuchsten Fragenkatalog und ich persönlich war beeindruckt vom Charakter der Veranstaltung. Hier waren Volksvertreter, die wirklich zuhören wollten und wissen wollten, wie die reale Welt so ist. Lediglich die Fragerunden war recht gewöhnungsbedürftig. Erst fragen alle Parteien reihum ihre Fragen, dann antworten die vier Experten in alphabetischer Reihenfolge.
Der Charakter der Fragen waren recht unterschiedlich. Sehr kompetent wirkte Sebastian Blumenthal von der FDP als Vorsitzender, und sowieso die SPD, insbesondere Lars Klingbeil, die Vertreter der CDU schienen teilweise noch Themen wie Bürokratieabbau im Vordergrund zu haben – alle Experten waren sich aber einig, dass die GmbH nicht wirklich ein Hindernis für IT-Unternehmensgründungen in Deutschland ist. Johny Schulz von der FDP signalisierte Verständnis für meine These, dass wir Unis mehr zentralisieren müssen, um mehr Leute interdisziplinären an attraktiven Standorten zusammenzubringen. Selbst die freundliche Dame von den Linken wollte genau wissen, wie so eine Unternehmensfinanzierung zustande kommt, wenngleich sie mich etwas missverstanden hatte. Auf meine Kernthese, dass bei uns die Techniker und BWLer an den Unis nicht zusammenfinden, witzelte Frau Zypries sogar, dass hier ein Geschäftsmodell stecken könnte…


23
Feb 11

9flats.com

For the past couple of weeks we have worked in a distributed team in 9 different locations around the world. Have a look and enjoy.

Later today we are going to reveal our secret headquarters…


25
Jan 11

Copycats

Ich habe mich oft gefragt, wie Menschen wie Tilo Sarrazin so werden, wie sie sind. Ich glaube, ich habe jetzt etwas Ahnung davon bekommen. Man sagt etwas im Interview, wird leicht missinterpretiert, und stellt fest: Wow, das knallt ja richtig. Jetzt gibt es zwei Wege: Entweder man macht den Sarrazin und verstärkt und polarisiert das gesagte und wird reich. Selten habe ich so viele Anfragen als Keynote Speaker und für Interviews bekommen wie in den letzten Tagen, als die Wirtschaftswoche-Geschichte erschien, aber auch schon vorher als ein Interview von mir bei Joel von der Gründerszene als Schlagzeile in der Financial Times Deutschland auftauchte.

So als Anti-Samwer würde mir wahrscheinlich demnächst einen Platz auf der Couch von Maybrit Illner sichern. Oder so. Buch Bestseller (Stephan “Günther O.” Uhrenbacher: Die Abkupferer” garantiert.

Leider ist es nicht so einfach:

Die zuletzt bei Groupon ganz hervorragend aufgegangene Strategie der Brothers S. ist zu allererst Zeugnis für eine absolut brilliante Umsetzungspower, mit der sie geschaft haben, schneller zu wachsen als das Original. Darauf können sie mit Recht stolz sein, und ich werde sie dafür nicht von der Seite anpinkeln.

Alle Beteiligten sind dabei reich geworden. Die Samwers noch mehr als vorher, Chapeau!. Groupon aber auch sonst hätten sie eine dramatisch langsamere Wachstumsstory und würden beim Börsengang einen dramatisch niedrigere Bewertung realisieren, und auch die beteiligten Investoren. Ich arbeite aktiv mit eVenture zusammen, die als einziger Fonds weltweit gleich in drei  Groupon Clones investiert waren, die jetzt an Groupon verkauft wurden: in Deutschland, in Japan und in Russland. Auch der Standort Deutschland, vor allem Berlin profitiert unglaublich durch die Samwers:  Berlin ist eCommerce Hauptstadt Deutschlands nicht wegen Subventionen, sondern wegen des Samwer-Ökosystems aus Alando, Jamba, Rocket etc. Das ist super für den Standort Deutschland.

Wie kommt es dann zu dieser Schlagzeile?

Ich habe viel Kontakt zu Absolventen von Elite Unis und habe erschreckend oft festgestellt, dass da tolle Talente sitzen, die ausschliesslich auf das Next big thing aus USA warten, um da schnell drauf zu springen. Keinerlei eigene Kreativität. Und das ist schade. Wenn es statt zwei Groupon-Clones auf einmal 25 gibt, dann heisst das, das mindestens 23 – manchmal tolle – Teams aufs falsche Pferd setzen, als mal etwas Neues zu wagen. Wenn VCs nur noch Modelle finanzieren, für die es euphemistisch gesagt einen “proof of concept” gibt, d.h. ein erfolgreiches US-Vorbild, dann läuft da was falsch.

Das wollte,  und werde ich in Zukunft mit solchen Interviews gerne weiter sagen. Die Amerikaner sind weltweites Vorbild vor allem im Bereich “Business Model Innovation”. Da wir schon immer zuerst geleast, was vorher gekauft wurde; shared was vorher besessen wurde, und so weiter. Klar macht es Sinn das zu übernehmen, und es ist eine wunderbares Geschäftskonzept, systematisch das schnell hier hochzuziehen, was funktioniert. Wir brauchen aber auch hier mehr Menschen, die sich in die Bedürfnisse der Kunden reinversetzen können, und da was neues draus machen. Qype ist tatsächlich so entstanden, so unglaubwürdig das klingt. Avocadostore hat kein US Vorbild.Gleichzeitig  bin an mehrere Unternehmen beteiligt, die als Ziel haben, durch bessere Umsetzung schneller zu wachsen, als ein Vorbild.Es braucht für einen guten Standort beides: exzellente Umsetzungspower, und zwischendurch auch mal eine gute Idee.


16
Sep 10

Entrepreneur in Residence

In letzter Zeit treffe ich einige Leute, die mich fragen: „was machst Du eigentlich?“
Der entsprechende Facebook-Status würde wohl lauten „it‘s complicated“, weil es nicht in einem Satz zu sagen ist.

Einerseits bin ich nach wie vor ein aktiver Gesellschafter und Beirat bei Qype, wo ich im Sommer kurzfristig auch im Produktbereich betreut hatte. Gleichzeitig habe ich den Wechsel zum neuen CEO Ian Brotherston begleitet.

Andererseits bin ich „Executive Chairman“ bei Avocadostore. Ein gutes deutsches Wort fällt mir für diese Tätigkeit nicht ein. Ich habe die Firma gemeinsam mit Philipp Gloeckler gegründet, vorfinanziert, noch einige Investoren dazugeholt und bin einige Tage im Monat direkt im Unternehmen, um Philipp zu unterstützen.

Meine Zelte aufgeschlagen habe ich aber neuerdings als „Entrepreneur in Residence“ bei BV Capital / eVenture in Hamburg.

Wie so oft, ist diese Tätigkeitsform in Deutschland kaum bekannt, daher einige Worte dazu: Ein Entrepreneur in Residence (EIR) unterstützt einen VC bei der Identifikation von herausragenden Unternehmer, gibt Input und erhält gleichzeitig Zugang zur Denkweise der Investoren. Es lässt sich vor allem in den USA durchaus ein Trend ausmachen, dass Top Serial Entrepreneurs auf Zeit zu Top VCs gehen.

Ein relativ prominentes Beispiel für EIR ist Marten Mickos, der Gründer von MySQL, als EIR bei Index Ventures. Das Beispiel Marten zeigt auch, dass der Grad gegenseitiger Verpflichtung beim Modell EIR gering ist. Martin war als EIR bei Index Ventures, und ist danach bei Eucalyptus eingestiegen, an dem BV Capital beteiligt ist.

Noch ein paar Worte zu BV Capital / eVenture:

BV eVenture ist ein Team, das in USA und Europa in innovative  Internet Modelle investiert. Die neuesten Fonds sind BV Capital III fuer die USA und eVenture I fuer Europa/Osteuropa, die beide vom gleichen Team gemanagt werden. Das BV Team investiert seit über 10 Jahren in Silicon Valley und ist seit ca 2 Jahren mit dediziertem Europa Fonds eVenture hier nun auch stärker aktiv.

In einer internen Diskussion zur eigenen Positionierung sagte kürzlich einer der Leute im Büro: „Wir sind eher hands-on, unternehmerisch geprägte Investoren ohne Ego-Problem“ Letzteres ist mir am wichtigsten. Fokus sind Frühphaseninvestments im Fenster zwischen Angels und den „großen Fonds“, die mindestens 4 Millionen investieren müssen. Beispiele einiger Investenments sind in Europa: Citydeal/Groupon ; Darberry/Groupon; Kaufda und natürlich Myfab; aber auch „hot topics“ in den USA aus USA wie Eucalyptus (open source cloud computing).

Für mich ist neben dem exzellenten Track Record von BV / eVentures in Kombination mit der “kein Ego-Problem”-Thematik auch spannend, dass ich vor der Haustür in einen internationalen VC eingebunden bin, wo ich viel Neues sehen werde. Life long learning.


8
Sep 10

Suchtentwöhnung

Im Sommer war das “Abschalten” so prominent in Wirtschaftswoche und Spiegel auf den Titelseite, daß Meedia “Abschalten” zu Recht als Medientrend des Sommers identifiziert hat.

Der Hamburger Personalberater Dwight Cribb hat schon im  April mal einen sehr guten Blogbeitrag geschrieben. Er schreibt darin, dass er sich dem Burnout näherte, weil er dauernd in eigentlichen Ruhephasen auf Twitter geschielt hatte. Meine Burnout-Phase liegt zwar schon länger hier, die war irgendwann 2007 zwischen der ersten und zweiten Finanzierungsrunde von Qype.

Aber auch mir ist dieses Jahr klar geworden, dass das ständige “Always on” so nicht weiter geht. Das wäre vielleicht nichts besonderes, wenn ich mich nicht auch als einen Derjenigen gesehen hätte, die das Real-Time-Web mit gestalten wollen.

Meine persönlichen Erfahrungen mit der Suchtentwöhnung:

Im Urlaub lief das Jahr wunderbar. Ich habe jeden zweiten Tag das iPad morgens angemacht und ein paar E-Mails beantwortet und ein paar News-Seiten angesehen, ansonsten kein Internet und kein Handy. Zwei Wochen lang. Oh Wunder: Die halbe Stunde morgens war viel effizienter als das dauernde “Ich schau mal kurz rein”.

Blackberry ist  ja das bekannteste Übel. Erst kürzlich hat mir ein Freund gesagt, wie sehr ihn nervt, wenn ich mitten im Gespräch “Nur diese eine Mail” noch beantworte, weil eine Presseanfrage oder ein Investor nicht warten kann. Meine Lösung: Der Blackberry bleibt jetzt bei jedem Gespräch in der Tasche. Da blink nichts und fertig.

Twitter hat ja ganz nett angefangen, als Überbrückung von Wartezeiten in der U-Bahn oder am Flughafen. Aber ehrlich gesagt, nervt mich die Zeit, die ich mit “Noise” gegenüber “Signal” verbringe, nach wie vor. Und der Suchteffekt von Twitter (“Hat jemand geantwortet?”) ist einfach völlig unproduktiv. Meine Lösung: Ich habe die Twitter Apps zwar noch auf dem Blackberry installiert, aber in ein Unterverzeichnis verschoben, und öffne sie nur sehr selten.

Facebook hat mich ja nie so erwischt, es war für mich eher eine Twitter-Extension. Und soo interessant ist es gottseidank nicht, was da läuft. Nett ist für mich anzusehen, wie sich die Avocado-Fan-Seite so entwickelt und was es für Feedback gibt. Aber der Feed meiner Facebook-”Freunde” ist für mich dramatisch weniger spannend, als mich mit meinen wirklichen Freunden zu treffen. Meine Lösung: Facebook gibt es bei mir mobil nicht mehr.

iPad: Hier nerven die roten Status-Meldungen, ich schalte die E-mail Accounts oft ganz ab, wenn ich nur im Web surfen will.

Checkins: Klar, manchmal ist es nett, wenn ich sagen kann: hier bin ich, und meine Buddies sehen das auf Qype, Foursquare und demnächst Facebook. Aber ehrlich gesagt: in letzter Zeit bin ich auch davon nur genervt. Hier gibt es eine ganz einfache Lösung:ich mache es nur noch, wenn ich irgendjemanden in der Nähe treffen will.

Ist das jetzt eine Generationenfrage?

Ich glaube nicht. Philipp Gloeckler, der Gründer von Avocadostore hat im Urlaub auch komplett “abgeschaltet”. Passiert ist nichts. Er verwendet zwei Handys mit einer Karte. Am Wochenende ist nur das einfache alte SonyEricsson an, der Blackberry aus. Philipp ist 26.

Ich habe so was ähnliches auch probiert. Blackberry weg, einfaches Nokia Handy her. Leider bin ich auf meiner ersten Geschäftsreise an der mangelhaften Adressynchronisation und ohne elektronischen Kalender gescheitert. Und leider vermuten immer mehr Gesprächspartner, dass E-mails auch unterwegs gelesen werden, so dass es ohne “mobile E-mail” mittlerweile schwierig wird, Treffen zu organiseren. Da arbeite ich noch dran.

Auf jeden Fall stelle ich fest, dass ich so langsam wieder ruhiger und konzentrierter und somit effizienter werde. Das gilt am Schreibtisch. Und Gespräche werden wieder entspannter. Jetzt heißt es dranbleiben.