Im Sommer war das “Abschalten” so prominent in Wirtschaftswoche und Spiegel auf den Titelseite, daß Meedia “Abschalten” zu Recht als Medientrend des Sommers identifiziert hat.
Der Hamburger Personalberater Dwight Cribb hat schon im April mal einen sehr guten Blogbeitrag geschrieben. Er schreibt darin, dass er sich dem Burnout näherte, weil er dauernd in eigentlichen Ruhephasen auf Twitter geschielt hatte. Meine Burnout-Phase liegt zwar schon länger hier, die war irgendwann 2007 zwischen der ersten und zweiten Finanzierungsrunde von Qype.
Aber auch mir ist dieses Jahr klar geworden, dass das ständige “Always on” so nicht weiter geht. Das wäre vielleicht nichts besonderes, wenn ich mich nicht auch als einen Derjenigen gesehen hätte, die das Real-Time-Web mit gestalten wollen.
Meine persönlichen Erfahrungen mit der Suchtentwöhnung:
Im Urlaub lief das Jahr wunderbar. Ich habe jeden zweiten Tag das iPad morgens angemacht und ein paar E-Mails beantwortet und ein paar News-Seiten angesehen, ansonsten kein Internet und kein Handy. Zwei Wochen lang. Oh Wunder: Die halbe Stunde morgens war viel effizienter als das dauernde “Ich schau mal kurz rein”.
Blackberry ist ja das bekannteste Übel. Erst kürzlich hat mir ein Freund gesagt, wie sehr ihn nervt, wenn ich mitten im Gespräch “Nur diese eine Mail” noch beantworte, weil eine Presseanfrage oder ein Investor nicht warten kann. Meine Lösung: Der Blackberry bleibt jetzt bei jedem Gespräch in der Tasche. Da blink nichts und fertig.
Twitter hat ja ganz nett angefangen, als Überbrückung von Wartezeiten in der U-Bahn oder am Flughafen. Aber ehrlich gesagt, nervt mich die Zeit, die ich mit “Noise” gegenüber “Signal” verbringe, nach wie vor. Und der Suchteffekt von Twitter (“Hat jemand geantwortet?”) ist einfach völlig unproduktiv. Meine Lösung: Ich habe die Twitter Apps zwar noch auf dem Blackberry installiert, aber in ein Unterverzeichnis verschoben, und öffne sie nur sehr selten.
Facebook hat mich ja nie so erwischt, es war für mich eher eine Twitter-Extension. Und soo interessant ist es gottseidank nicht, was da läuft. Nett ist für mich anzusehen, wie sich die Avocado-Fan-Seite so entwickelt und was es für Feedback gibt. Aber der Feed meiner Facebook-”Freunde” ist für mich dramatisch weniger spannend, als mich mit meinen wirklichen Freunden zu treffen. Meine Lösung: Facebook gibt es bei mir mobil nicht mehr.
iPad: Hier nerven die roten Status-Meldungen, ich schalte die E-mail Accounts oft ganz ab, wenn ich nur im Web surfen will.
Checkins: Klar, manchmal ist es nett, wenn ich sagen kann: hier bin ich, und meine Buddies sehen das auf Qype, Foursquare und demnächst Facebook. Aber ehrlich gesagt: in letzter Zeit bin ich auch davon nur genervt. Hier gibt es eine ganz einfache Lösung:ich mache es nur noch, wenn ich irgendjemanden in der Nähe treffen will.
Ist das jetzt eine Generationenfrage?
Ich glaube nicht. Philipp Gloeckler, der Gründer von Avocadostore hat im Urlaub auch komplett “abgeschaltet”. Passiert ist nichts. Er verwendet zwei Handys mit einer Karte. Am Wochenende ist nur das einfache alte SonyEricsson an, der Blackberry aus. Philipp ist 26.
Ich habe so was ähnliches auch probiert. Blackberry weg, einfaches Nokia Handy her. Leider bin ich auf meiner ersten Geschäftsreise an der mangelhaften Adressynchronisation und ohne elektronischen Kalender gescheitert. Und leider vermuten immer mehr Gesprächspartner, dass E-mails auch unterwegs gelesen werden, so dass es ohne “mobile E-mail” mittlerweile schwierig wird, Treffen zu organiseren. Da arbeite ich noch dran.
Auf jeden Fall stelle ich fest, dass ich so langsam wieder ruhiger und konzentrierter und somit effizienter werde. Das gilt am Schreibtisch. Und Gespräche werden wieder entspannter. Jetzt heißt es dranbleiben.



